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Zum Wohle der Dynastien – Was Briefe über die Herrschaft brandenburgischer Kurfürstinnen in der Frühen Neuzeit verraten

Ulrike Sträßner. Foto: Karla Fritze.

Ulrike Sträßner. Foto: Karla Fritze.

Noch ist das 18. Jahrhundert, die Blütezeit des Briefeschreibens, nicht angebrochen. Doch schon hundert und zweihundert Jahre zuvor werden – eine alte Tradition fortführend – insbesondere in den elitären Kreisen der kurfürstlichen Höfe im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation Briefe geschrieben. Manche davon tragen eine deutlich weibliche „Handschrift“. Denn auch die an der Seite ihrer Männer regierenden Kurfürstinnen griffen gern und viel zur Feder. Ob bei Tage oder abends im Schein der Kerzenleuchter und Öllampen – die Frauen brachten aufs Papier, was sie bewegte. Briefe, kurze und lange, mit unterschiedlichen schriftsprachlichen Niveaus, auf Lateinisch, Deutsch, Französisch oder in einer anderen Sprache verfasst, verließen nahezu täglich die Residenzen. Die Autorinnen verstanden sich durchaus nicht als schmückendes Beiwerk der Ehegatten, sondern vielmehr als wichtige Mittlerinnen in den Angelegenheiten der Höfe. Eine Tatsache, die die Geschichtsschreibung lange nicht genügend beachtete. Dem Ausblenden von Frauen, auch in der brandenburgischpreußischen Landeshistorie, will die Doktorandin Ulrike Sträßner von der Universität Potsdam etwas entgegensetzen und mit ihrer Promotionsarbeit zu einem Perspektivwechsel beitragen. Sträßner untersucht den „Herrschaftsalltag und das Herrschaftsverständnis brandenburgischer Kurfürstinnen im 16. und 17. Jahrhundert im Spiegel ihrer Korrespondenznetzwerke“.

„Weil dan gemelter Georg Pose nochmals bey vns, vmb gnedige Vorbittschrifft an E.G. emsiges fleiße ansuchung getan, Alß bittenn E.G. wir nochmals ganz Töchterlich vnd freundtlich sie wolle vmb vnsret willen, freuntlich vnbeschweret ferner bey ihrem freuntlichen gelibten Herrn vnd Gemahll in dieser Sachse das beste vorwenden helffen vnnd vorbittenn, Domit gnentern Georg Posen solche straff gnedigst erlassenn, vnd er sich solcher vnserer Vorbitschrifft rühmen müge ...“ Briefe wie dieser 1580 von Markgräfin Katharina von Brandenburg-Küstrin an die sächsische Kurfürstin Anna gerichtete, in dem sie konkret um einen Straferlass bittet, waren keine Ausnahme. Neben den durchaus zahlreichen Pflichten am Hofe, die die Kurfürstinnen erfüllten, nahmen sie auch auf diesem Wege Einfluss und betrieben emsig „Außenpolitik“. Freilich nicht in unserem Sinne. Die Politik dieser Zeit funktionierte über hierarchisch strukturierte Familienverbände. Auf dieser Ebene wurden Interessen ausgehandelt, Kompromisse geschlossen, wurde über Krieg und Frieden entschieden.

Ein Detektivspiel nach Dominoart

Katharina von Brandenburg-Küstrin ist eine von insgesamt sieben Kurfürstinnen, deren Leben und Korrespondenzen sich Ulrike Sträßner näher anschaut. Dabei betrachtet sie diese konsequent als Teil eines Herrschafts- und Arbeitspaares, deren Anteil am Regieren bislang, so sagt sie, aufgrund einseitig ausgerichteter Forschungsperspektiven weitgehend unsichtbar sei. Auf der Grundlage verschiedener Quellen, meist sind es Briefe, vergleicht die Doktorandin systematisch Herrschaftsfelder und rekapituliert den Alltag der Herrscherinnen. Für die Untersuchung hat die Nachwuchswissenschaftlerin einen ungewöhnlichen Ansatz gewählt: Sie verzichtet auf eindimensionale, rein biografisch angelegte Erzählstränge und fasst die Hohenzollerinnen als soziale Gruppe zusammen. „So können durch den Vergleich verschiedener Herrschaftsfelder sowohl individuelle als auch dynastie- und sozialgruppenspezifische Herrschaftsund Handlungsmuster herausgearbeitet und darauf basierend bestehende traditionelle Erzählmuster hinterfragt werden“, erklärt die Historikerin.

Etwa 500 Briefe, aber auch Hofordnungen, Rechnungen, Bestallungsurkunden, Motivationsschreiben und anderes mehr hat sie bereits durchforstet. „Es ist ein großes Detektivspiel“, sagt Sträßner und lächelt. Eines nach Dominoart. Angefangen vom familiären Umfeld und den Beziehungen der einzelnen Personen zu Dritten hat sich inzwischen ein großes Netz von Kontakten vor ihr ausgebreitet. Es sind weit mehr Korrespondenzen überliefert, als sie aufgrund des dürftigen Forschungsstandes zunächst erwartet hatte. Für einzelne Kurfürstinnen hat Sträßner bis zu 80 Briefpartner und –partnerinnen gefunden. „Das sind nicht immer langjährige Korrespondenzen“, erläutert die Doktorandin. Aber es gebe sie schon, die brieflichen Beziehungen, die vom Einzug an den Hof des Mannes bis zum Tod andauerten. Sträßner hat Briefe entdeckt, die sich sowohl im Inhalt als auch in der Funktion voneinander unterscheiden, darunter kurze Grußbotschaften, standardisierte Schreiben und sehr persönliche Niederschriften. Insgesamt zeigen sie: Die Verfasserinnen waren in einer durchaus ambivalenten Situation. Sie agierten am Hof ihres Mannes einerseits als Abgesandte ihrer Herkunftsdynastie, andererseits stellten sie sich in den Dienst ihrer Ankunftsfamilie. Ein schwieriger Spagat, der viel Geschick erforderte.

Die Themen reichen von Reiseplänen bis zu Kultur und Religion

„In ihren Briefen berichten die Kurfürstinnen über ihren Tagesablauf, familiäre Ereignisse, die Organisation des Hofes, Reisepläne und mehr“, gibt Ulrike Sträßner Einblick in das Gelesene. „Sie tauschen sich aber auch mit ihren Korrespondenzpartnerinnenund partnern über politische, dynastische, kulturelle, religiöse und emotionale Angelegenheiten aus.“ Die Wissenschaftlerin hat bereits viele der Korrespondenzen genau analysiert. Hierfür nutzte sie das Instrumentarium eines bewährten Verflechtungskonzepts und modifizierte es nach geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten. In der Folge wurden die einzelnen Beziehungsstränge inhaltlich „abgeklopft“. Eine Voraussetzung, um in einem zweiten Schritt die sich an den Korrespondenzthemen orientierenden Herrschaftsfelder im Hinblick auf den Herrschaftsalltag und das individuelle Herrschaftsverständnis interpretieren zu können. Solche Felder, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Post ziehen, gibt es viele: die Religion, Vermittlungen in unterschiedlichen Angelegenheiten, die Beziehung zu den Untertaninnen und Untertanen, innerfamiliäre Konflikte, die Erziehung der Kinder, die Weiterführung der Dynastie durch Geburten, Finanzen oder die Bewirtschaftung und den Verkauf von Gütern.

Bei den Korrespondenzen sticht hinsichtlich des Herrschaftsverständnisses insbesondere jene heraus, die Anna von Preußen unterhielt. „Die Kurfürstin ist bezüglich ihrer dynastischen Situation eine Ausnahme, weil sie eine Erbtochter war“, führt Ulrike Sträßner aus. Genau dieses Erbrecht sei jedoch infrage gestellt worden. Sie habe kämpfen müssen, was sich auch in ihren Briefen zeige. „Anna von Preußen fühlte sich dem Erbe stark verbunden, weil sich daraus ihr dynastischer Wert ableitete und sie ihr Erbe für die Nachkommen sichern wollte“, so Sträßner. Das Problem jedoch habe darin bestanden, dass sie auf die Unterstützung ihres Mannes angewiesen war, der in dieser Sache weit weniger Engagement an den Tag legte und sich gegenüber anderen Erbanwärtern kompromissbereit verhielt. Die landesgeschichtliche Erzähltradition unterstellt Anna eine gewisse Dominanz, wie auch ihrer Mutter, Herzogin Marie Eleonore. Auf diese Eigenschaft deuten auch die Briefe. „Anna nervt ihre Zeitgenossinnen und -genossen“, hat Sträßner aus den Korrespondenzen herausgelesen. Die Fürstin habe Leute zur Verzweiflung getrieben, indem sie gut informiert war, auf ihren Ideen beharrte und diese unbedingt umsetzen wollte. Mit ihrer Herkunftsfamilie, die mit dem Kaiser und dem dänischen Königshaus verwandt war, habe sie erhebliches Drohpotenzial besessen – und dies auch eingesetzt.

Die Kurfürstinnen sind aktive Landesmütter

Die Briefe aller Kurfürstinnen belegen: Sie agieren als Landesmütter im Kontext ihrer Interessen. Und: Untertaninnen und Untertanen konnten sich mit ihren Anliegen ebenso an sie wenden wie an ihre Ehemänner. „Das ist jedoch nicht endgültig zu beurteilen, denn nicht alles wurde überliefert“, betont Sträßner. Ein wesentliches Problem, das ihre Untersuchung begleitet. Doch sie kann vieles tatsächlich konkret nachweisen. Etwa jene Interessen, die ähnlich wie bei Anna von Preußen im Schriftverkehr dominierten. Auch auf das Verhältnis zu ihren Männern lässt sich jeweils schließen. „Idealerweise herrschten die Kurfürstinnen an der Seite ihrer Ehemänner und handelten mit ihnen Zuständigkeiten und Aufgabenverteilungen aus“, sagt Sträßner. Weil größtenteils die Kurfürsten ihre Unterschriften unter Verträge setzten, Einladungen aussprachen und anderes mehr, hätten deren Frauen oft in ihren Schreiben die Entscheidungsgewalt der Gatten betont – was sie auf den ersten Blick eher passiv erscheinen lasse. „Eben diese Formulierungen und das nahezu symbiotische Miteinander einiger Fürstenpaare verdecken jedoch, wie stark die Kurfürstinnen in Entscheidungs- und Vermittlungsprozesse eingebunden waren.“ Auf alle treffe zu, dass sie sich auf jedem der ermittelten Herrschaftsfelder aktiv bewegten. Wie sehr, hänge vom Status der Herkunftsfamilie, dem Verhältnis zum Ehemann, materiellen Ressourcen sowie persönlichen Schwerpunkten ab.

„Mich beeindruckt die Vielfalt der Themen und die oft sehr lebendige Sprache in den Korrespondenzen der sieben Kurfürstinnen“, zeigt sich Sträßner begeistert. „Großartig ist es, diese vielen Briefe selbst in den Händen zu halten und damit arbeiten zu dürfen.“


Kurfürstinnen, auf die sich die Untersuchung bezieht, sind: Elisabeth von Dänemark (1485–1555), Hedwig von Polen (1513–1573), Sabina von Brandenburg-Ansbach (1529–1575), Elisabeth von Anhalt (1563–1607), Katharina von Brandenburg-Küstrin (1549–1602), Anna von Preußen (1576–1625), Elisabeth Charlotte von der Pfalz (1597–1660).


Anna von Preußen
heiratete am 30. Oktober 1594 den Markgrafen Johann Sigismund, den späteren Kurfürsten von Brandenburg. Durch die Heirat sollten die brandenburgischen Ansprüche auf das Herzogtum Preußen abgesichert werden. Aus der Ehe gingen acht Kinder hervor, von denen drei früh starben. Von territorialpolitischer Bedeutung war die Verbindung insofern, als Anna als Nichte des letzten Herzogs von Jülich-Kleve- Berg, Johann Wilhelm, seitens der preußischen Hohenzollern als Erbin der Herzogtümer Kleve, Jülich und Berg, der Grafschaften Mark und Ravensberg sowie der Herrschaft Ravenstein angesehen wurde.

Anna baute sich ein eigenes diplomatisches Netzwerk auf und versuchte, ihre Ansprüche auf das Erbe klug umzusetzen. Sie wusste, dass sie, um ihr Ziel zu erreichen, aufgrund ihres unsicheren Rechtsstatus als Frau die Unterstützung männlicher Herrschaftsträger benötigte und suchte sich deshalb sehr aktiv Verbündete.

Am Ende des Jülich-Klevischen Erbfolgestreits mussten sich die Hohenzollern das Gesamterbe Jülich-Kleve-Bergs nur mit Pfalz-Neuburg teilen. Das Herzogtum Kleve und die Grafschaften Mark und Ravensberg fielen aufgrund des Vertrags von Xanten 1614 an das Kurfürstentum Brandenburg. Erstmals gelangte Brandenburg-Preußen somit in den Besitz von Gebieten im Rheinland und in Westfalen. Ein preußisches Interesse, diese Gebiete durch weitere Westexpansion zu verbinden, wurde so begründet und im 19. Jahrhundert verwirklicht. Nachdem ihr Ehemann zum Calvinismus übergetreten war, wurde Anna zur Fürsprecherin der lutherischen Bevölkerung.
Quelle: Redaktion/Wikipedia

Die Wissenschaftlerin

Ulrike Sträßner studierte Geschichte und Deutsch für das Lehramt an Gymnasien (Staatsexamen) an der Universität Potsdam. Hier schreibt sie auch ihre Promotionsarbeit. Diese wird von apl. Prof. Dr. Frank Göse im Bereich Landesgeschichte am Historischen Institut betreut.
ulrike.straessner@uni-potsdam.nomorespam.de

Text: Petra Görlich
Online gestellt: Alina Grünky
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de