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Dem Roboter so nah – Forscher untersuchen die Beziehung zwischen Mensch und Maschine

Martin Fischer und Yuefang Zhou. Foto: Thomas Hölzel.

Martin Fischer und Yuefang Zhou. Foto: Thomas Hölzel.

Henry ist groß, hat dunkle Haare und einen sanften Blick. Er kennt unser Lieblingslied und bringt uns mit Witzen zum Lachen. Henry ist kein Mann – er ist ein Roboter des US-amerikanischen Unternehmens Realbotix, der eigens als intimer Partner für den Menschen gefertigt wird. Die Psychologin Yuefang Zhou und der Kognitionswissenschaftler Martin Fischer haben das Unternehmen im kalifornischen San Diego besucht. Gemeinsam gehen die beiden Forscher der Frage nach, wie intime Partnerschaften mit Robotern unsere Zukunft bestimmen könnten.

Realbotix ist ein Ableger des Unternehmens Abyss Creations, das schon seit der Jahrtausendwende lebensechte Puppen herstellt. Haarfarbe, Körperformen und Größe richten sich nach den persönlichen Wünschen von Kundinnen und Kunden. Mindestens 11.000 US-Dollar kostet eine Puppe. Die meisten Käufer stammen aus Kanada, dicht gefolgt von Deutschland. Doch während die Puppen sich weder selbsttätig bewegen noch sprechen können, besitzen die neu entwickelten Roboter künstliche Intelligenz (KI).

Darunter versteht die Forschung die Fähigkeit von Maschinen, Probleme zu lösen. Zwar kann Henry bisher lediglich seinen Kopf bewegen sowie kurze Sätze sprechen und seine KI ist begrenzt; das soll sich aber schon bald ändern. „Ziel des Unternehmens ist es, artifizielle Körper für intime Beziehungen zu schaffen“, berichtet Zhou vom Treffen mit dem Unternehmensgründer Matt McMullen. „In Zukunft könnte es überall auf der Welt Liebesroboter für einsame Menschen mit sozialen Blockaden geben.“ 

Das gesellschaftliche Interesse an Interaktionen mit Robotern ist groß 

Studien der Stanford University zeigen, dass wir emotional reagieren, wenn wir einen  menschenähnlichen Roboter berühren: Der Herzschlag erhöht sich, wir beginnen zu schwitzen, erröten womöglich. Solche Reaktionen wollen Zhou und Fischer experimentell erfassen. Auch bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) könnten zum Einsatz kommen und Auskunft darüber geben, was im Kontakt mit Robotern in unserem Gehirn geschieht. „Zwar ist das Interesse in der Gesellschaft an Interaktionen mit Robotern riesig“, sagt Zhou. „Bislang gibt es aber kaum empirische Daten zu diesem Thema. Diese werden dringend benötigt.“ In den vergangenen zwei Jahren war die Wissenschaftlerin von der schottischen University of St. Andrews zu Gast am Lehrstuhl von Martin Fischer. Ende 2017 veranstalteten die beiden Forscher an der Universität Potsdam einen internationalen Workshop zu intimen Partnerschaften mit Robotern. Aus der Tagung soll nicht nur ein Buch hervorgehen, sie lieferte auch erste Forschungsfragen für die geplante Studie, für welche die Wissenschaftler derzeit Fördergelder beantragen. 

Seit Neuestem forscht Zhou außerdem in einemsexualmedizinischen Projekt an der Charité Berlin. Die Psychologin fragt zusammen mit Sexualwissenschaftlern der Universitätsmedizin, ob Roboter helfen könnten, Verbrechen vorzubeugen. Die Überlegung: Könnten potenzielle Sexualstraftäter durch den Um gang mit einem Roboter in Kindergröße therapiert werden? „Es wäre möglich, dass Lernerfahrungen mit menschenähnlichen Maschinen ein unangepasstes Sexualverhalten reduzieren“, sagt Zhou. „Allerdings könnte auch das Gegenteil der Fall sein und der Umgang mit einem scheinbar kindlichen Roboter könnte pädophile Gedanken verstärken.“ Um diese Frage auszuloten, werden die Wissenschaftler an der Universität Potsdam vorerst Interviews mit Probanden, Experten und mit Betroffenen durchführen. Anschließend werden sie über mögliche Tests mit Betroffenen an der Charité beraten. 

Zhou und Fischer interessieren sich nicht nur für sexuelle Interaktionen mit Robotern, sondern gerade auch für die emotionale Bindung an humanoide Maschinen. Und die kann durchaus positiv besetzt, von Fürsorge und Zuneigung bestimmt sein. So erstaunt es nicht, dass in der Pflege immer öfter Roboter in tierischer Gestalt eingesetzt werden, von der plüschigen Robbe bis zur freundlich schnurrenden Katze. Roboter-Haustiere registrieren mittels Sensoren Berührungen und Stimmen, bewegen sich selbsttätig und geben Laute von sich. Ihnen wird eine beruhigende Wirkung etwa auf Demenzkranke nachgesagt. Bis Roboter als autonome Begleiter des Menschen fungieren können, ist es aber vermutlich noch ein weiter Weg. Denn gerade im Kontakt mit schutzbedürftigen Menschen können sie jederzeit zur Gefahr werden: Sie sind bislang nicht flexibel genug, um sich auch an unvorhergesehene Situationen sinnvoll anzupassen.

Entscheidend für die menschliche Wahrnehmung sind die Fähigkeiten eines Roboters

Martin Fischer widmet sich seit vielen Jahren den kognitiven Grundlagen von Interaktionen mit Robotern. Der Kognitionswissenschaftler erforschte von 2008 bis 2011 an der University of Dundee erkenntnis- und wahrnehmungsbezogene Muster des menschlichen Gehirns, um sie für die Programmierung des Roboters iCub nutzbar zu machen. Seit 2004 arbeiten Forscherinnen und Forscher in ganz Europa in einem europäischen Open Source-Projekt an der Entwicklung der humanoiden Maschine, um Erkenntnisse über die menschliche Kognition zu gewinnen und dadurch auch die Fähigkeiten von Robotern zu optimieren. iCub hat die Größe eines fünfjährigen Kindes, er besitzt 53 Gelenke, er spricht, sieht und hört. Bald soll er auch mit einem Tastsinn ausgestattet sein. Das Zusammenspiel zwischen Wahrnehmung und Bewegung interessierte Fischer damals besonders: Wann greifen wir beispielsweise eine Tasse mit der rechten, wann mit der linken Hand? Wie lernen Roboter, dass sie Kisten stapeln können, Bälle aber nicht? Wie wird eine Schaufel verwendet, wie eine Harke? Die Beantwortung solcher Fragen ist essenziell, um Roboter möglichst fehlerfrei in unsere Alltagsabläufe integrieren zu können. 

Fischer geht heute davon aus, dass die Fähigkeiten eines Roboters für die Beziehung zum Menschen wichtiger sind als seine äußere Erscheinung. „Unser Nervensystem ist äußerst sensibel für soziale Signale“, erklärt Fischer. „Schon in abstrakten Gebilden erkennen wir menschliche Gesichtszüge.“ Um Interaktionen in Gang zu bringen, müssen wir daher nicht einmal besonders menschenähnliche Roboter vor uns haben: Oftmals genügen schon zwei augenähnliche Punkte. Und ein Roboter, der sofort als Maschine identifizierbar ist, hat einen weiteren Vorteil – einen wenig menschenähnlichen Roboter empfindet kaum jemand als unheimlich. Eine Erklärung hierfür bietet der Uncanny Valley-Effekt, den der Japaner Masahiro Mori vor circa fünfzig Jahren formulierte: Wir akzeptieren Roboter zunächst umso mehr, je ähnlicher sie dem Menschen sind. Wird die Ähnlichkeit jedoch zu groß, finden wir sie plötzlich unheimlich. 

Roboter stellen eine Gesellschaft vor Herausforderungen

Ein Roboter der eher unheimlichen Art ist Sophia. Die humanoide Maschine sieht einer Frau aus Fleisch und Blut zum Verwechseln ähnlich. Wäre da nicht die transparente Schädeldecke, die Kabel, Platinen und blinkende Lichter offenbart. Sophia besitzt derzeit die größte künstliche Intelligenz unter den Robotern. Sie ist in der Lage, sich an spezifische Situationen anzupassen – sie lernt. „Sophia ist auf dem neuesten Stand der technologischen Entwicklung“, erklärt Fischer. „Sie kann Probleme erkennen, analysieren und darauf reagieren.“ Seit 2017 besitzt die humanoide Maschine die saudi-arabische Staatsbürgerschaft. Das klingt zwar wie ein Scherz, lässt aber die Schwierigkeiten erahnen, die im Zusammenleben mit menschenähnlichen Maschinen künftig auf uns zukommen könnten. 

„Geht es um Roboter, geht es immer auch um soziale, ethische und juristische Fragen“, sagt Zhou.  Denn was geschieht, wenn wir die Roboter mehr und mehr als Menschen wahrnehmen? Weil ihre Reaktionen uns überraschen und zum Nachdenken anregen; weil wir von ihnen lernen; weil wir gerne mit ihnen zusammen sind – weil wir sie lieben? Was geschieht, wenn die künstliche Intelligenz so groß ist, dass wir Roboter nicht mehr als Objekte behandeln, sondern als Personen? Hätten wir dann rechtelose Sklaven erschaffen? Die Welt des Science Fiction kennt solche Dystopien schon lange. Und sie hat auch den Aufstand dieser Sklaven fantasiert, die sich gegen die Menschen wenden, um für ihre eigene Freiheit einzutreten. Rechtliche Grundlagen müssten, nimmt man solche düsteren Visionen ernst, den technologischen Entwicklungen zuvorkommen. 

Insofern stellen menschenähnliche Maschinen Expertinnen und Experten ganz verschiedener Fächer vor Herausforderungen. Genau das ist es, was Fischer und Zhou an den Beziehungen zwischen Roboter und Mensch fasziniert: Das Thema ruft nicht nur Kognitionswissenschaftler und Psychologen, sondern auch Juristen, Philosophen, Informatiker, Linguisten oder Kulturwissenschaftler auf den Plan. „Die Erforschung von Interaktionen zwischen Mensch und Maschine ist Aufgabe ganz unterschiedlicher Fächer“, sagt Zhou. Nur gemeinsam können Wissenschaftler der Antwort auf eine fundamentale Frage näher kommen: „Die Forschung an Robotern kann uns verstehen helfen, was den Menschen zum Menschen macht.“

DIE WISSENSCHAFTLER

Prof. Martin Fischer, Ph.D., studierte Psychologie und ist seit 2011 Professor für Kognitive Wissenschaften an der Universität Potsdam. 
martinf@uni-potsdam.nomorespam.de

Yuefang Zhou, Ph.D., studierte Psychologie an der Universität Dundee in Schottland. Von 2016 bis 2018 war sie Gastwissenschaftlerin am Lehrstuhl für Kognitive Wissenschaften der Universität Potsdam. Seit 2017 ist sie auch mit dem Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité Universitätsmedizin Berlin affiliiert.
yuezhou@uni-potsdam.nomorespam.de

Text: Jana Scholz
Online gestellt: Marieke Bäumer
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de