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Freiheit on demand? - Wie sich das Fernsehen 4.0 inszeniert

Christian Richter. Foto: Karla Fritze.

Christian Richter. Foto: Karla Fritze.

Er ist aus deutschen Wohnzimmern nicht mehr wegzudenken. Meist direkt gegenüber der Couch platziert, prangt der Fernseher fast übermächtig auf Möbeln, an Wänden. Unsere Wohnzimmer sind auf ihn ausgerichtet. Doch das Verhältnis zu diesem traditionellen Medium scheint sich zu verändern. Insbesondere die jüngere Generation hat Alternativen entdeckt. Sie nutzt mehr und mehr On Demand-Plattformen, um Filme und Serien unabhängig von festen Sendeplätzen anzuschauen. Christian Richter, Promovend an der Professur für Medienkulturgeschichte, hat in seinem Dissertationsprojekt Netflix und YouTube genauer untersucht. Bieten die beiden Online-Dienste tatsächlich einen Gegenentwurf zum Fernsehen, wie sie es von sich selbst behaupten? Oder werden in ihren Programmbausteinen nicht auch inhaltliche und ästhetische Merkmale, zeitliche Anordnungen und wesentliche Strukturen ihres Vorläufers übernommen und nur neu verpackt? Fernsehen 4.0 ist auch eine Frage der Definition.

„Straßenfeger“ sind selten geworden. Das Fernsehen von einst hatte es da leichter. Kaum jemand verpasste in den 1980er Jahren etwa „Dallas“. Heute müssen sich die TV-Anstalten sehr viel mehr anstrengen, wenn sie für leere Straßen sorgen wollen. Längst tummeln sich auf dem Markt zahlreiche Mitbewerber, die die Vorzüge des digitalen Zeitalters nutzen – und unser Verständnis von Fernsehen überholt erscheinen lassen. Was bedeutet der Begriff noch in einer Welt, in der On-Demand-Dienste erstarken? Dieser Frage geht Medienwissenschaftler Christian Richter nach. „Ich möchte herausfinden, wie viel altes Fernsehen in solchen neuen Angeboten steckt“, erklärt er. Ihm falle auf, dass Netflix und YouTube, obwohl sie sich selbst stark vom klassischen Fernsehen abzugrenzen versuchen, dennoch als eine Art Fernsehen wahrgenommen würden. Offenbar fühlten sich die Dienste trotz des Fehlens eines festen Programms und fester Sendezeiten auch außerhalb des Fernsehgeräts wie Fernsehen an. „Mich interessiert, woher dieser Eindruck kommt. Welche Eigenschaften des klassischen Fernsehens von den On-Demand-Plattformen übernommen werden und welche Verschiebungen sich dabei ergeben.“ 

Serien prägen altes wie neues Sehen 

Seine Dissertation ist eine medienphilosophische Arbeit. Fragen der Rezeption lässt er bewusst aus. Ihn beschäftigt vielmehr, wie die neuen Plattformen und Programme konstruiert sind. Welche Ziele stecken dahinter? Wie funktioniert die mediale Inszenierung? Um das herauszubekommen, wendet der Wissenschaftler einschlägige Fernsehtheorien auf die neuen Anbieter an. Am Ende soll ein modernes Verständnis des Begriffs Fernsehen stehen, das unabhängig von einem bestimmten Verbreitungsweg existiert und es stattdessen als Inszenierungsmittel auffasst. Die Art, wie Inhalte gestaltet, aufbereitet und strukturiert werden, rückt dabei in den Mittelpunkt.

In seiner Analyse spielen Aspekte wie Flow, Linearität, Segmentierung und Liveness eine Rolle. Der komplexeste ist jedoch die Serialität. Ein Punkt, an dem sich Alt und Neu gut festmachen lassen. Serien spielen auf beiden Seiten eine große Rolle. Beim Fernsehen herkömmlicher Prägung haben sie eine lange Tradition. Sie sind beliebt, weil sie den Alltag der Menschen widerspiegeln – wenn auch künstlerisch frei ins Bild gesetzt: Gerade in den Seifenopern sind die Probleme ein bisschen schwerwiegender als die der Betrachterin und des Betrachters, die Figuren etwas schöner, etwas reicher. „Aber sie sind nicht so weit weg, dass wir keine Beziehung zu ihnen haben“, fasst Richter zusammen. „In der Eintönigkeit, die serielles Erzählen besitzt – dieselben Figuren, dieselben Motive, dieselben Abenteuer – erkennen wir Zuschauenden die Routine unseres Alltags wieder.“ Und das gern im Rhythmus einer durch das Programm auferlegten festen Sehstruktur. Eine Tatsache, die sich auch darauf auswirkt, wie die Geschichten erzählt werden. Das Publikum soll einerseits in der nächsten Woche oder am nächsten Tag wieder einschalten und, hat man eine Sendung versäumt, andererseits den neuerlichen Einstieg leicht finden. Das klassische Fernsehen hat über die Jahre bei den Menschen Riten ausgelöst. „Es ist zu einer Art ‚Religion‘ geworden“, sagt Richter, „und verfügt über eine starke Liturgie.“ Die festen Sendeplätze und der Aufbau der Serien sorgen für Kontinuität. Dieses Vorgehen erzeuge Stabilität und Verlässlichkeit und eine Form von Halt für die Menschen in komplexen, pluralistischen Gesellschaften, so der Wissenschaftler. Das aber funktioniere bei Netflix und YouTube, die kein festes Programm-Schema besitzen, so nicht mehr. Hier wirken andere Prinzipien, die auf andere Bedürfnisse reagieren, aber dennoch stabilisierende Riten ausbilden können.

Die neuen Dienste passen sich der Arbeitswelt an

Netflix setzt darauf, dass sich mit guten Serien viel Geld verdienen lässt. Der Streaming-Dienst investiert mehrere Milliarden Dollar pro Jahr in entsprechende Projekte. „House of Cards“ war die erste Großproduktion, die er in Auftrag gab. „Dieser Schritt im Jahr 2013 war geradezu revolutionär: die Produktion einer Serie mit einem Budget von 100 Millionen Dollar, nur für das Internet“, so Richter. Das gewagte Experiment ging auf, die Serie und Hauptdarsteller Kevin Spacey wurden zu Speerspitze und Gallionsfigur der On-Demand-Bewegung und bescherten dem Unternehmen viel Aufmerksamkeit und Millionen Abonnenten. 

Ein weiteres Novum beim Dienst ist die Art, wie die Betreiber die selbst produzierten Serien veröffentlichen. Im Unterschied zum „alten“ Fernsehen gibt es keinen bestimmten Rhythmus, die gesamte Staffel wird an einem Tag freigeschaltet. Damit befördert Netflix ein neues Phänomen: das „Binge Watching“. Das auch als „Komaglotzen“ oder „Marathongucken“ bezeichnete Verhalten ist bei Netflix-Zuschauenden besonders verbreitet. Richter verweist in dem Zusammenhang auf eine im Herbst 2017 herausgegebene Studie des Unternehmens. Sie belegt, dass rund 8,4 Millionen Kunden eine komplette Serien-Staffel innerhalb von 24 Stunden nach ihrer Veröffentlichung durchgesehen hatten. Für Richter ein Indiz dafür, dass sich die liturgische Nutzung von Serien aufzulösen scheint. 

Die zahlreichen Anbieter auf dem Online-Markt reagieren mit ihren Programmen auf einen flexibler gewordenen Arbeitsmarkt. Die an beständige Zeitstrukturen angelehnte Fernsehwelt mit festen Sendeplätzen passte offensichtlich nicht mehr. „Netflix verspricht seinen Kunden eine Befreiung von zeitlichen Zwängen und auferlegten Rhythmen. Eine Reaktion auf flexiblere Arbeitszeiten und heterogene Lebensmodelle, die sich nicht mehr durch die ‚Tagesschau‘ um 20 Uhr synchronisieren lassen“, sagt der Medien-Experte. Er weist auf eine interessante Entwicklung hin: Die Menschen schaffen nun ihre eigenen Rituale, etwa wenn sie jeden Abend vor dem Schlafen noch eine Folge anschauen. Die beruhigende Verlässlichkeit des Rituals basiere dann jedoch auf einer selbstgewählten Taktung. Für diejenigen, die zuschauen, stelle das Modell aber nur eine scheinbare Befreiung dar. Was er damit meint? Schaut man sich die Strukturen genau an, stößt man auf eine ganze Reihe von einschränkenden Vorgaben und ritualisierten Schemen.

Die Plattformen nutzen ihre Chancen, unbegrenzte Freiheit bieten sie aber nicht 

Gerade Netflix besitzt gegenüber dem klassischen Fernsehen einen großen Vorteil: Dadurch dass Interessierte keine Folgen verpassen können, lassen sich andere Geschichten erzählen als bisher. „Die Handlungen werden von den Autorinnen und Autoren selbst eher wie ein langer Roman beschrieben“, erläutert der Medienwissenschaftler. „Sie sind verzweigter, bieten mehr Figuren und mehr Raum für deren Entwicklung. Es ließe sich etwa bereits am Anfang einer Staffel ein Hinweis legen, der dann erst am Ende aufgegriffen wird.“ Traditionelle Fernsehserien sind dagegen oft so konstruiert, dass man jederzeit reinzappen, eine Folge auslassen oder erst in der Mitte einer Staffel einsteigen kann. Bei einer Serie wie „House of Cards“ funktioniert das nicht. Hier besteht ein narrativer Zwang, alles in einer festen Reihenfolge zu sehen. Dementsprechend erscheinen die Folgen durchnummeriert von oben nach unten im Serienmenü. Netflix-Nutzenden wird so zusätzlich nahegelegt, diese Struktur anzunehmen. „Einerseits also die Suggestion, man besitze alle Freiheiten beim Schauen, andererseits die vorgegebene Reihenfolge, obwohl technisch grundsätzlich alles offen ist.“ 

Das Konzept von Netflix kopiert der Video-Dienst YouTube nicht, obwohl bei seinen Filmen ebenfalls die wiederkehrenden Elemente eine große Rolle spielen. Auch hier sind Motive, Strukturen und Inhalte des klassischen Fernsehens zu erkennen. Richter verweist an dieser Stelle auf den YouTube-Star Bianca Heinicke (Bibis Beauty Palace). Der Erfolg ihrer Videos beruht demnach auf zwei Säulen: der Redundanz und der Anlehnung an die klassische Soap. Ein Unterschied zu Netflix ist die Zeitstruktur des Dienstes. Eine Veröffentlichung von Videos am Stück, wie bei Netflix üblich, gibt es nicht. Stattdessen: feste Zyklen, bei denen die YouTube-Macher im Blick haben, wann die Videos am besten im Alltag angeschaut werden können. Ein Zugeständnis vor allem an die jungen Leute. So veröffentlicht Bibi ihre Videos donnerstags um 14 Uhr – also unmittelbar nach Schulschluss – und sonntags um 11 Uhr, pünktlich zum Aufwachen nach einer langen Samstagnacht. Ein Vorgehen, das sich in gewisser Weise an Sehgewohnheiten aus dem TV-Zeitalter anlehnt. 

Nicht umsonst übernehmen YouTube und Netflix serielle Modelle, die wir aus dem Fernsehen kennen. „Man könnte salopp sagen, die Zuschauenden werden ausgetrickst“, resümiert Richter. Unterbewusst könnten sie die beruhigenden und stabilisierenden Strukturen des vertrauten Fernsehens genießen, fühlten sich aber unabhängig, frei und losgelöst von gesellschaftlichen Zwängen. „Es ist der trügerische Anschein von Freiheit, der sie immer weiter in die Welten von Netflix und YouTube hineinsinken lässt.“ 

Das Fernsehen ist tot – es lebe das Fernsehen!

Aber auch die Fernsehanbieter sind darum bemüht, den Herausforderungen eines sich verändernden  Marktes gerecht zu werden. Sie arbeiten daran, Modelle und Serien zu schaffen, mit denen sie im Wettbewerb um die Zuschauer bestehen können. „Babylon Berlin“ des Abosenders Sky ist solch ein  Versuch, auf die neuen Formen des seriellen Erzählens, die die Plattformen offerieren, zu antworten. Die Mediatheken bei ARD und ZDF ebenso. 

„Das Fernsehen wird nicht verschwinden“, ist sich Richter sicher. Laut Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung betrug die durchschnittliche Sehdauer der Deutschen 2016 immerhin 223 Minuten – pro Tag. Exakt derselbe Wert wurde bei einer Stichprobe im November 2017 erreicht. Spiele bei Fußballweltmeisterschaften und der sonntägliche „Tatort“ sind nach wie vor beliebt. Das Bedürfnis, gemeinsam bestimmte Inhalte zu konsumieren, besteht offensichtlich weiter. „Es gibt eine Sehnsucht nach gemeinsamen Fernsehplätzen“, bestätigt auch Richter. „Ich glaube, dass wir künftig alles, was seriell formatiert und in einen Fluss gebracht wird, unter dem Begriff Fernsehen subsummieren werden. Ganz egal, von welcher technischen Quelle es kommt. Dies wäre dann der Punkt, an dem wir von einem Fernsehen 4.0 sprechen können.“

DAS PROJEKT

Fernsehen 4.0. Zur Übertragbarkeit des Fernsehbegriffs auf Netflix und YouTube

Dauer: 2015–2018

DER WISSENSCHAFTLER

Christian Richter studierte Europäische Medienwissenschaft an der Universität Potsdam und der Fachhochschule Potsdam. 2018 will er seine Dissertation abschließen. Richter arbeitet an der Universität Potsdam als Lehrbeauftragter für die Bereiche Medienwissenschaft und Erziehungswissenschaft sowie als Dozent und Referent für Medienbildung. 

richter.christian@uni-potsdam.nomorespam.de

Netflix ist neben Amazon der in Deutschland am häufigsten genutzte Streaming-Dienst. Kunden finden hier ein vielseitiges Angebot an preisgekrönten Serien, Filmen, Dokus. Die Inhalte, auf die sie weitgehend zeitunabhängig zugreifen, werden nicht durch Werbespots unterbrochen. Jeden Monat kommt Neues hinzu.

Streaming entwickelt sich zum Massenmarkt und wirbelt damit die Medienbranche erheblich durcheinander. Die Dienste profitieren von inzwischen vorhandenen leistungsstarken technischen Komprimierungsverfahren und Endgeräten, die es ermöglichen, Videodateien selbst in hoher  Auflösung individuell ohne Verzögerung abrufen zu können.

Text: Petra Görlich
Online gestellt: Alina Grünky
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de