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„Alle an einem Tisch“ – Die Forschungsinitiative Gesundheitswissenschaften bringt verschiedene Disziplinen, Grundlagenforschung und Versorgung zusammen

Prof. Dr. Frank Mayer. Foto: Karla Fritze.

Prof. Dr. Frank Mayer. Foto: Karla Fritze.

Ernährung, Sport, Lebensstil – die Themen, die Wissenschaftler der Universität Potsdam aus dem Bereich der Gesundheitswissenschaften derzeit in Forschungsprojekten untersuchen, sind komplex und umfassen verschiedene Fachbereiche. Eine vertiefte interdisziplinäre Zusammenarbeit für künftige ähnliche Forschungsfragen liegt daher nahe und hat mit der neuen Forschungsinitiative Gesundheitswissenschaften einen Rahmen gefunden. Ihr Ziel ist es, die vorhandene Expertise zu bündeln, auszubauen und zu stärken. Neben der Uni Potsdam sind das Deutsche Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE), das Klinikum Ernst von Bergmann sowie Brandenburger Reha- und Akutkliniken Partner des Projekts. Matthias Zimmermann unterhielt sich mit dem Sprecher der Initiative, Prof. Dr. Frank Mayer. Er hat an der Universität die Professur für Sportmedizin und Sportorthopädie inne und ist Ärztlicher Direktor der Hochschulambulanz.

Herr Prof. Mayer, warum braucht die Universität Potsdam eine Forschungsinitiative (FI) Gesundheitswissenschaften?
Die Universität Potsdam hat keine Medizinische Fakultät. Und trotzdem sind die Gesundheitswissenschaften hier schon länger sehr interdisziplinär vertreten, vor allem in der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen und der Humanwissenschaftlichen Fakultät. Wir haben den großen Vorteil, dass an der Uni Potsdam alles zu finden ist – von der Grundlagenforschung auf der zellulären Ebene über Tiermodelle und klinische Studien bis zur Versorgungsforschung in den Rehabilitationswissenschaften. Wenn wir das alles verbinden, können wir gesundheitswissenschaftliche Forschungsfragen fachübergreifend beantworten. Das ist nicht zuletzt für das Einwerben von Drittmittelprojekten wesentlich. Weitere wichtige Felder sind die Graduiertenausbildung und die Aufgaben, die wir für das Land Brandenburg übernehmen.

Wie ist die FI entstanden?
Wir haben schon länger Kooperationsprojekte durchgeführt, Inhalte ausgetauscht und in der Lehre zusammengearbeitet. 2013 haben wir uns dann zusammengefunden und überlegt, wie wir unsere unterschiedlichen Fragestellungen und Kompetenzen in diesem Bereich bündeln können. Als sich die Möglichkeit ergab, das in eine Förderlinie der Universität einzubringen, wussten wir: Das ist genau das, was wir brauchen. Die Gesundheitswissenschaften an der Uni Potsdam sind eine Initiative, die sich entwickeln muss.

Welche Voraussetzungen wurden schon geschaffen, um die Initiative und darüber hinaus die Gesundheitswissenschaften zum Erfolg zu führen und an welcher Stellschraube wird gerade gedreht?
Wir wollten keine Hülle ohne Inhalt kreieren. Deshalb haben wir uns zu Beginn bemüht, ein gemeinsames Thema zu finden, um das herum wir ganz konkrete Projekte lancieren. Es zeigte sich, dass die Frage, wie sich Folgeerkrankungen des metabolischen Syndroms behandeln und vor allem verhindern lassen, ein guter gemeinsamer Nenner ist. Typische Folgeerkrankungen des metabolischen Syndroms sind etwa Herzinfarkt und Schlaganfall, Diabetes, aber auch muskuloskelettale Erkrankungen wie Arthrose oder neurodegenerative Krankheiten wie Demenz. Es ist bereits bekannt, dass man vor allem mit richtiger Ernährung und Bewegung viel dagegen tun kann. Für uns ein Glücksfall, denn das sind zwei der Schwerpunkte der Potsdamer Gesundheitswissenschaften. Davon ausgehend, haben wir etliche Aktivitäten entwickelt: verschiedene Veranstaltungen, bei denen wir unseren wissenschaftlichen Nachwuchs zusammengeführt haben, einen gemeinsamen Verbundforschungsantrag. Ein Antrag für ein Graduiertenkolleg ist in Arbeit. Und in der konkreten Forschung haben wir Tandems gebildet – jeweils mindestens zwei Wissenschaftler beziehungsweise Forschergruppen, die zusammen Kooperationsprojekte durchführen und gemeinsam publizieren.

Wer ist bei der FI dabei?
An der Uni sind das vor allem Wissenschaftler aus der Humanwissenschaftlichen und der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät. Ganz wichtig sind die engen Kooperationen mit außeruniversitären Einrichtungen, allen voran dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) und verschiedenen Fraunhofer-Instituten. Dazu kommen die Verbindungen zum Netzwerk der Brandenburger Rehakliniken, die Kooperation mit dem Klinikum Ernst von Bergmann oder das Schule-Leistungssport-Verbundsystem mit dem Olympiastützpunkt.

Welche Themen und Fragen stehen besonders im Fokus?
Im Zentrum stehen die genannten Folgeerkrankungen des metabolischen Syndroms. Ein weiteres Thema ist das Verhältnis von Dosis und Wirkung bei Interventionen in den Bereichen Ernährung und Bewegung. Also die Frage, wie viel man machen muss, um den optimalen Effekt zu erzielen, beziehungsweise wo das Minimum liegt, um eine Wirkung bei unterschiedlichen Krankheitsbildern bzw. unterschiedlichen individuellen Voraussetzungen auszulösen. Das ist wissenschaftlich sehr herausfordernd, weil dazu bislang nur wenige Daten vorliegen. Ein dritter Punkt ist: Wie geht man mit der Fülle gesundheitswissenschaftlicher Daten um? Welchen Nutzen kann man aus den immer umfangreicher erhobenen Daten, insbesondere aus transnationaler Sicht, ziehen? Strukturell ist die Nachwuchsförderung eines unserer zentralen Anliegen. Wir wollen unsere Doktoranden und Postdocs so fördern, dass sie antragsfähig werden und quasi ihre eigenen Strukturen und ihre eigenen Arbeitsgruppen initiieren.

Gesundheitswissenschaften – das klingt nach einem Brückenschlag zwischen Forschung und Patientenversorgung. Wie kann das gelingen?
Was die Initiative ausmacht, ist, dass die Grundlagenwissenschaftler mit den klinischen und den Versorgungsforschern „an einem Tisch sitzen“. Es geht darum, beispielsweise Forschungsergebnisse, die am Tiermodell erzielt wurden, auf den Menschen zu übertragen und sie dann auch in einer klinischen Studie zu überprüfen und schließlich in die Versorgung überzuleiten. Diese Besonderheit setzen wir auf allen Ebenen um, von den Professuren bis zum Nachwuchs: So kooperieren etwa bei der aktuell durchgeführten Studie „Mobile Brandenburger Kohorte“ fünf Professuren miteinander – und die dazugehörigen Nachwuchswissenschaftler führen die Untersuchungen durch. So werden sie frühzeitig in die Forschung integriert. Ähnliche Projektstrukturen verbinden Arbeitsgruppen aus den Ernährungswissenschaften, der Sportmedizin, den Rehabilitationswissenschaften, der Sozial- und Präventivmedizin sowie der Sport- und Gesundheitssoziologie. Die Ergebnisse der Projekte werden über unsere klinischen Partner in die Patientenversorgung integriert und dort erneut auf ihre Wirksamkeit überprüft. Das macht für uns die Gesundheitswissenschaften aus.

Was haben die Studierenden von der Initiative?
Die fächerübergreifende Kompetenz spiegelt sich in entsprechenden Studiengängen wie Ernährungswissenschaften, Sporttherapie und -prävention sowie Clinical Exercise Science wider. Hier haben die Studierenden den Vorteil, dass sie immer mit einem Experten und Fachmann der Gesundheitswissenschaften zu tun haben. Kardiologie wird von einem Kardiologen unterrichtet, Neurologie von einem Neurologen usw. Dazu kommt der schon genannte Fokus der Graduiertenausbildung, in der wir dank der Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen ein relativ breites Themenspektrum für Master- und Doktorarbeiten ermöglichen. Beides zusammen macht die Universität Potsdam nach außen hin attraktiv, wie man an den stark nachgefragten Studiengängen sieht.

Einige der bestehenden Forschungsinitiativen der Uni wirken als Keimzellen größerer Forschungsstrukturen. Was kann aus der FI Gesundheitswissenschaften werden?
Mit Blick auf die Förderstrukturen der Universität könnte das Fernziel der Forschungsschwerpunkt sein. Da sagen wir aber sehr selbstkritisch: So weit sind wir noch nicht. In einem nächsten Schritt wollen wir größere, interdisziplinär vernetzte Forschungsvorhaben auf den Weg bringen, wie etwa den genannten Antrag für ein Graduiertenkolleg. Zudem vertreten die an der Initiative beteiligten Professuren gewissermaßen die Universität Potsdam im Gesundheitscampus Brandenburg, der derzeit gegründet wird. Mit dem Campus soll im nächsten Jahr ein gemeinsamer Fachbereich, eine Fakultät entstehen – und wir wollen dort wichtige Forschungsthemen und die Graduiertenförderung einbringen. Eine spannende Aufgabe!

Text: Matthias Zimmermann
Online gestellt: Matthias Zimmermann
Kontakt zur Onlineredaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de

 

Diesen und weitere Beiträge zu aktuellen Themen an der Universität Potsdam finden Sie im Universitätsmagazin "Portal".